Freidrich-Ebert-Stiftung / Julius-Leber-Forum: Politische Bildung in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein

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Das flüchtige Wissen der Welt

Warum wir in der Informationsflut Selektionsmechanismen brauchen

Von Markus Reiter

Das Wissen im Internet ist dynamisch. Es ist flüchtig. Es ist volatil. Es ändert jeden Tag seine Gestalt. Wir wissen wenig über seine Quellen, über die dahinterstehenden Interessen und seine Glaubwürdigkeit. Gewiss: Die Tatsache, dass Wissen sich ändert und auf einen aktuellen Stand gebracht werden muss, ist nicht neu. Das Tempo, in dem es sich ändert, hingegen schon.

Der Nutzer des Internets verliert dadurch die Sicherheit und das Vertrauen in den Stand seines Wissens. Unser Wissen hat nur bis zum nächsten Klick Bestand. Das beste und anschaulichste Beispiel ist Wikipedia: Bei einem Wikipedia-Artikel wissen wir – anders als bei einem Eintrag in der Encyclopaedia Britannica oder dem Brockhaus – zu keinem Zeitpunkt, ob das, was wir gerade lesen, Unsinn ist und in einigen Sekunden, Minuten oder Stunden von einem anderen User korrigiert wird. Es spricht einiges dafür, dass die Behauptung der Betreiber von Wikipedia stimmt: Fehler oder falsche Aussagen, die ein Autor eingestellt hat, werden von anderen Autoren mit der Zeit korrigiert. Im Dezember 2005 veröffentlichte die angesehene Wissenschaftszeitschrift Nature eine Studie. Experten hatten Artikel in der Encyclopaedia Britannica und in Wikipedia auf Fehler untersucht. WikipediaArtikel enthielten durchschnittlich vier Fehler, solche in der Encyclopaedia Britannica drei.

Allerdings kann der Leser der Encyclopaedia Britannica davon ausgehen, dass bis zur nächsten Auflage des Lexikons die Zahl der Fehler zu jedem gegebenen Zeitpunkt stabil ist. Gedruckte Enzyklopädien repräsentierten nach ihrem eigenen Selbstverständnis stets den „Stand des Wissens“. Das ist vorbei, denn es gibt keinen „Stand des Wissens“ mehr. Der Nutzer geht zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Netz und schlägt bei Wikipedia nach. Ob er einen Moment erwischt, in dem er auf eine falsche Behauptung stößt, oder nicht – das kann er nicht wissen. Während der Nutzer also an den Brockhaus mit einem (später vielleicht enttäuschten) Grundvertrauen herantreten darf, müsste er an Wikipedia mit einem grundsätzlichen Misstrauen herantreten. Ich wage zu bezweifeln, dass der durchschnittliche User das tut. Im Gegenteil: Er überträgt das Vertrauen, das er bisher in ein Lexikon wie den Brockhaus hatte, auf eine Internetenzyklopädie wie Wikipedia. Das bestätigen zahlreiche Studien zur Internetnutzung. Woher das Wissen kommt, darüber machen sich viele Internetnutzer keine Gedanken. Die Digital Natives nicht, weil sie sich solche Fragen sowieso selten stellen, die Digital Immigrants nicht, weil sie aus Gewohnheit Wikipedia genauso behandeln wie ein Lexikon, das von einer wissenschaftlichen Redaktion betreut wird. Nach dem Tod der alten Medien wie Bücher, Zeitungen und Zeitschriften drohen jedoch zwischengeschalteten Instanzen wie Redaktionen, auf die sich der User in der alten Welt verlassen hat, zu verschwinden – er ist inmitten der Fülle einer sich stets wandelnden Information künftig auf sich allein gestellt.

Natürlich muss man eine solche Entwicklung nicht negativ sehen. Einige Vertreter der neuen Internetwelt freuen sich, dass mit dem Ende der alten Medien angeblich ein Informationsmonopol gefallen sei. So schreibt zum Beispiel der Blogger Alexander Kahl in seinem Blog mit dem Titel „Probefahrers Ponyhof“ im typischen Blog-Ton (Schreibung wie im Original):

„Eine freie Meinungsäußerung scheint einigen Herrschaften aus der Journalismusbranche nur recht zu sein, solange sie die Einzigen sind, die sie im großen Stil in Anspruch nehmen dürfen. Mit den bröckelnden technischen Hürden, schnellerer Verbreitungszeit und großer Reichweite von Blogs, Twitter und Co. ist die Meinungsäußerung und -bildung nicht mehr nur der schreibenden Zunft überlassen. Klar, dass das nicht gerne gesehen wird.“


In diesem Zusammenhang führen die Apologeten der neuen Medienwelt oft das Wort „Zensur“ im Munde. Natürlich kann man die Selektion, die durch die alten Medien vorgenommen wurde, als eine Form der Zensur betrachten. Es kamen in der Tat nicht jede Meinung und jede Information durch und es gab zahlreiche Fälle, in denen tatsächlich Informationen aus politischen oder wirtschaftlichen Interessen verschwiegen oder manipuliert wurden. Das war immer schon ein eindeutiger Missbrauch des Systems Journalismus und widersprach seinen ethischen Grundsätzen. Man muss zwei Fälle unterscheiden, in denen eine Meinung in den traditionellen Medien verschwiegen wurde:

Echte Zensur. Offene Zensur ist in einem demokratischen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik selten. Niemand wird jedoch bestreiten, dass mächtige Interessengruppen vor der dritten Medienrevolution unliebsame Informationen und Meinungen unterdrücken konnten. Viele Zeitungen und Zeitschriften waren zum Beispiel von Anzeigenkunden abhängig, die ungnädig zu stimmen nicht ratsam erschien.Verleger mit Monopolzeitungen neigten gelegentlich dazu, unliebsame Ansichten in ihren Blättern zu verbieten. Informationsmonopole werden durch die dritte Medienrevolution verschwinden. Jeder, der etwas zu sagen hat, kann es – im Rahmen der Gesetze – in einem Blog oder auf einer Website veröffentlichen. Das ist gut so und diese Freiheit sollte mit allem Nachdruck verteidigt werden.

Vermeintliche Zensur. Viele Menschen sind mit dem Vorwurf der Zensur schnell bei der Hand. Meistens wird es als Zensur empfunden, wenn die eigene Meinung nicht oder nicht gebührend berücksichtigt wird.


Ein Beispiel aus meinem Wohnort Stuttgart mag dies illustrieren. Dort soll in einem Großprojekt mit dem Namen „Stuttgart 21“der Hauptbahnhof unter die Erde verlegt und die Bahnstrecke nach Ulm ausgebaut werden. Seitdem werden die beiden örtlichen Tageszeitungen mit Leserbriefen und Forumseinträgen auf ihrer Internetseite überhäuft, in denen die einen der Redaktion vorwerfen, einseitig für Stuttgart 21 zu sein und Gegenstimmen böswillig zu verschweigen, und die anderen, einseitig gegen Stuttgart 21 zu sein und alle Pro-Argumente zu ignorieren.

Es gibt nicht allzu viele Menschen, die laut wegen angeblicher Zensur protestieren, wenn die Gegner der eigenen Ansicht nicht ausreichend zu Wort kommen. In der neuen Internetwelt steht alles nebeneinander, scheint alles auf den ersten

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht der wunderbare Satz: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Die Internet apologeten würden vermutlich am liebsten dazuschreiben: „Eine Selektion findet nicht statt.“

Blick gleichberechtigt, alles gleich wertvoll zu sein. Ein dubioser Beitrag über Bachblüten-Therapie steht neben einem anspruchsvollen medizinischen Fachartikel, wüste Beschimpfungen sämtlicher Politiker neben klugen Analysen, wirre Verschwörungstheorien neben erhellenden und durchdachten Erklärungen. Wer will, mag das als radikale Demokratie bezeichnen. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht der wunderbare Satz: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Die Internetapologeten würden vermutlich am liebsten dazuschreiben: „Eine Selektion findet nicht statt.“

Für den Nutzer wird das Leben dadurch nicht einfacher. Es ist nämlich weiterhin bei den meisten Menschen unbestritten, dass es gut begründete und weniger gut begründete Meinungen gibt, dass es Fakten gibt, die mit der realen Welt übereinstimmen, und solche, die nicht richtig sind. Irgendjemand muss diese unterschiedliche Qualität von Information erkennen und nach dem Aschenputtel-Prinzip bewerten: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wenn dieser Irgendjemand nicht ein Vertreter der alten Medien oder der kulturellen Instanzen ist, denen wir dies bislang anvertraut haben, dann muss es der Internetnutzer selbst machen. Ansätze dazu sind bereits zu beobachten: Viele jüngere User benutzen soziale Netzwerke wie Facebook als Selektionsmechanismus nach dem Motto: „Wenn meine Freunde mich dort darauf aufmerksam machen, wird es wohl wichtig sein.“

Wir haben es also nun in der neuen Internetwelt mit zwei Aspekten zu tun: mit der Volatilität des Wissens und mit einem User, der mit der Fülle der Informationen fertigwerden muss, der sortieren und einordnen soll, was er aus dem Netz erfährt. In dieser Situation bedarf der Internetnutzer der Entschließung und des Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, und eines Wissens darüber, wie man Informationen verifiziert. Außerdem kostet es viel Zeit und eine Menge Mühe, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Um all das sinnvoll zu können, ist als Grundlage vor allem eines nötig: Bildung.

Bildung bezeichnet nicht nur Wissen, sondern auch die Fähigkeit, neues Wissen auf der Grundlage alten Wissens in einen Kontext einzuordnen. Ironischerweise zertrümmert gerade das Internet unsere bisherige Vorstellung von Bildung. Die Entwicklung an den Schulen und Universitäten erreicht genau das Gegenteil dessen, was in der Internetwelt nach dem Sterben der alten Medien notwendig wäre. Bildung in Deutschland wird kurzatmiger und orientiert sich stärker an Wissen als an Verstehen.

Das Wissen ist aus der Sicht eines einzelnen Menschen unendlich. Ebenso bietet das Internet nahezu unendlich viel Platz, um all dieses Wissen abzulegen. Nicht unendlich ist hingegen die Fähigkeit des Menschen, dieses Wissen auszuwerten, zu bewerten und es letztlich für seine Zwecke zu nutzen. In manchen Fällen fehlt ihm die Kompetenz, in den meisten Fällen die Zeit. In Wirklichkeit ist der Informationsüberfluss im Internet kein Segen, sondern ein Fluch. So wie der Traum vom Schlaraffenland zum Albtraum wird, weil dort die Menschen

Kostenloses, selektiertes und aufbereitetes Wissen kann es auf Dauer nicht geben!

fett und bräsig werden, so leiden die Menschen durch das Internet an Überfütterung mit Wissen und Information. Es ist kein Zufall, dass sich die Internetnutzer fast ausschließlich an den ersten drei bis fünf Funden bei Google orientieren. Dabei ist es fraglich, ob es sich bei einem solchen Vorgehen um eine kluge Strategie beim Umgang mit Information handelt. In der Tat hat der Internetuser kaum eine andere Möglichkeit, als irgendeinen Selektionsmechanismus zu nutzen.

Die Menschen jammern seit der Antike, dass es zu viel Wissen in der Welt gebe und man es kaum noch überblicken könne. Heute aber gibt es viel zu viel Wissen. Meine Tante hat einmal mir gegenüber geklagt, sie habe den Focus abbestellen müssen. Er sei einfach zu dick und sie finde nicht die Zeit, ihn zu lesen. Auch als Volontär der Fuldaer Zeitung und als FAZ-Redakteur traf ich gelegentlich Menschen, die sich beschwerten, die Zeitung sei viel zu dick, um sie morgens zu lesen.

Der Internetnutzer heute hat nur zwei Möglichkeiten, um mit der Fülle an Wissen fertigzuwerden: Entweder er muss Zeit und Mühe investieren, um selbst das Gute vom Schlechten, das Wichtige vom Unwichtigen, das Lesenswerte vom Schrott zu trennen. Oder er muss andere damit beauftragen. Das kann, wie gesagt, über die Freunde bei Facebook geschehen oder indem man Geld für journalistische Dienstleistungen ausgibt. Was viele Menschen, besonders die Apologeten des freien Internets, noch nicht verstanden haben: Kostenloses, selektiertes und aufbereitetes Wissen kann es auf Dauer nicht geben! Gerade weil das Sortieren und Aufbereiten von Wissen Zeit und Mühe kostet, muss der Einzelne dafür bezahlen, wenn er es nicht selber macht. Sollte sich niemand finden, der bereit ist, für diese Dienstleistung zu bezahlen, wird sie nicht angeboten werden. Dann müssen wir alle diese Aufgabe selbst übernehmen – und werden im Zweifel auf die ersten drei Funde von Google zurückgreifen.


Markus Reiter
unterstützt mit seinem Stuttgarter Büro „Klardeutsch“ Zeitungen, Zeitschriften und Internetredaktionen beim Medienwandel. Sein Buch Dumm 3.0 – Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen erschien 2010 im Gütersloher Verlagshaus. www.klardeutsch.de

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